7.1.1Begriffe und Einordnung¶
Gleichungen, die eine Funktion mehrerer Veränderlicher mit ihren partiellen Ableitungen in Verbindung setzen, heißen partielle Differentialgleichungen (kurz: PDE für “partial differential equation”). Lösung einer PDE ist also eine Funktion.
Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten großer Teile der Physik und anderer Naturwissenschaften, aber auch der Wirtschaftswissenschaften können durch partielle PDEs ausgedrückt werden. Sie sind somit eines der wichtigsten Modellierungswerkzeuge.
Die numerische (und analytische) Behandlung von PDEs ist deutlich anspruchsvoller als bei gewöhnlichen Differentialgleichungen. Insbesondere gibt es keine allgemein anwendbaren Lösungsverfahren, sondern jede Gleichung oder Klasse von Gleichungen erfordert andere Ansätze.
Wir beschränken uns hier auf wichtige, oft auftretende PDE-Typen. Insbesondere werden wir nur lineare PDEs betrachten, also solche, in denen die gesuchte Funktion und deren partielle Ableitungen nur in Linearkombinationen miteinander verknüpft werden.
Das Lösen von PDEs erfolgt heute ausschließlich numerisch. Analytisches Lösen ist nur in wenigen Spezialfällen möglich. Schon die Frage, ob überhaupt eine Lösung existiert und diese eindeutig ist, ist oft nur mit erheblichem mathematischen Aufwand zu beantworten.
7.1.2Mahnendes Beispiel (Sleipner A)¶
Als Negativbeispiel sei der Untergang der norwegischen Ölbohrplattform “Sleipner A” in der Nordsee am 23. August 1991 noch während des Baus erwähnt. Die tragende Betonkonstruktion wurde ausschließlich durch numerische Berechnungen am Computer geplant. Zum Einsatz kam die damals übliche und auch heute noch genutzte Software NASTRAN der NASA zum Lösen partieller Differentialgleichungen. Durch ungünstige Diskretisierung der zugrunde liegenden partiellen Differentialgleichung, die die in den Betonteilen wirkenden Kräfte beschreiben sollte, wurden einige Bereiche mit besonders hohen Lasten zu schwach dimensioniert. Die berechneten Lasten waren nur etwa halb so hoch wie die tatsächlichen. Die Plattform versank im 200 Meter tiefen Meer und löste durch Implosionen ein schwaches Erdbeben aus.
Die numerischen Berechnungen wurden nicht auf Plausibilität geprüft und nicht mit klassischen Berechnungsverfahren für Betontragwerke verglichen. Die Berechnungssoftware trifft hier übrigens keine Schuld. Es handelt sich um einen Fehler der Bediener, die ungeeignete Parameter gewählt haben. Für mehr Informationen zu den Ursachen des Untergangs siehe The sinking of the Sleipner A offshore platform und Die Ursache für den Totalverlust der Betonplattform Sleipner A und Verweise darin.
7.1.3PDEs erster Ordnung¶
7.1.3.1Struktur¶
Zusätzlich können noch Anfangs- oder Randbedingungen gegeben sein. Anfangsbedingungen geben die gesuchte Funktion zu einem Zeitpunkt vor, sofern eine der Variablen der Zeit entspricht. Randbedingungen geben die gesuchte Funktion auf dem Rand von vor. Kombinationen (Anfangsrandbedingung) und weitere Arten von Randbedingungen (z.B. Vorgabe der Richtungsableitungen senkrecht zur Randlinie) sind in vielfältiger Weise möglich und üblich.
7.1.3.2Beispiel: Kontinuitätsgleichung¶
Ein typisches Beispiel ist die bereits behandelte Kontinuitätsgleichung.
7.1.3.3Lösungsansätze¶
PDEs erster Ordnung können auf (nichtlineare) Systeme gewöhnlicher Differentialgleichungen zurückgeführt werden.
Alternativ sind die später zu behandelnden Finite-Differenzen-Verfahren für das numerische Lösen einsetzbar.
7.1.4PDEs zweiter Ordnung¶
7.1.4.1Struktur¶
Analog zu PDE erster Ordnung werden meist zusätzliche Anfangs- und Randbedingungen formuliert.
Existenz und Eindeutigkeit von Lösungen sind nicht allgemein bekannt, sondern müssen im Einzelfall untersucht werden.
Die Lösungseigenschaften und geeignete Lösungsverfahren hängen wesentlich von der Koeffizientenmatrix
ab. Diese ist üblicherweise symmetrisch für alle . In diesem Fall unterscheidet man vier Situationen:
7.1.4.2Beispiel: Potentialgleichung¶
Poisson-Gleichungen sind elliptische PDE. Sie tauchen in zahlreichen physikalischen Zusammenhängen auf (Elektrostatik, Wärmeleitung, Strömungsmechanik,...). Die gegebene Funktion modelliert dabei das Vorhandensein von Quellen und Senken, in der Elektrostatik also z.B. die Ladungsverteilung im Gebiet. ist dann der daraus resultierende Stromfluss und liefert die Quellen und Senken in diesem Fluss. Die Potentialgleichung modelliert ein Erhaltungsgesetz, welches für viele physikalische Prozesse gilt: “Was rein fließt, muss auch wieder raus fließen”.
Bei Dirichlet-Randbedingungen ist die Lösung eindeutig, falls sie existiert. Bei Neumann-Randbedingungen unterscheiden sich alle Lösungen nur um eine additive Konstante.
7.1.4.3Beispiel: Diffusionsgleichung¶
Wollen die Wärmeverteilung im Laufe der Zeit in einem Körper bei gegebenen Anfangs- und Randbedingungen modellieren. Völlig analog zur Massenbilanz beim Ölteppichbeispiel führt hier eine Energiebilanz zur PDE
Dabei sind
die Temperatur des Körpers am Punkt zur Teit ,
die Dichte des Materials (überall gleich),
die spezifische Wärmekapazität des Materials (überall gleich),
die spezifische Wärmeleitfähigkeit des Materials (überall gleich).
Um die Temperatur zu einer Zeit berechnen zu können, muss einerseits die Temperaturverteilung zu einem früheren Zeitpunkt bekannt sein (Anfangsbedingung); andererseits muss der Wärmezufluss oder -abfluss über den Rand des Gebietes im Laufe der Zeit bekannt sein.
Betrachten ein einfaches 1D-Beispiel um eine Idee vom Verhalten der Lösungen der Wärmeleitungsgleichung zu bekommen.
7.1.4.4Beispiel: Wellengleichung¶
Hatten die Wellengleichung bereits am Beispiel der schwingenden Saite eingeführt.
Die Struktur der Lösungen hängt stark von der Raumdimension ab.
Auch abseits der Wellengleichung ist die Fourier-Transformation ein wichtiges Hilfsmittel beim analytischen Lösen von PDE.
7.1.4.5Lösungsansätze¶
Je nach Gleichungstyp (elliptisch, parabolisch, hyperbolisch) und Randbedingungen kommen verschiedene analytische Lösungsansätze in Frage. Diese sind allerdings fast immer extrem aufwendig und erfordern tiefere mathematische Kenntnisse (Umgang mit Funktionenreihen,...). Teilweise lassen sich PDEs auf gewöhnliche Differentialgleichungen oder Systeme gewöhnlicher Differentialgleichungen zurückführen, welche dann ebenfalls mit recht hohem Aufwand zu lösen sind.
Für den praktischen Einsatz erfolgt das Lösen von PDE zweiter Ordnung ausschließlich numerisch. Die wichtigsten Verfahrensklassen sind:
Finite-Differenzen-Verfahren (einfache Herleitung, begrenzte Anwendbarkeit bei komplizierten Gebieten und anderen praktisch relevanten Situationen),
Finite-Elemente-Verfahren (erfordern mehr Aufwand in der Herleitung bzw. für das Verständnis, sind aber sehr allgemein einsetzbar).