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Die Welt des Zufalls in mathematisch exakte Sprache zu fassen ist schwieriger als man denkt. Entsprechend lang hat dies gedauert. Eine allgemein anerkannte, hinreichend umfangreiche Theorie für Beschreibung und Untersuchung zufälliger Vorgänge stand erst in den 1930er-Jahren zur Verfügung (zum Vergleich: Geometrie und Differentialrechung in ihrer heutigen Form sind mindestens 100 Jahre älter).

Wie umgehen mit scheinbar widersprüchlichen oder mindestens der Intuition widersprechenden Feststellungen wie den folgenden?

8.2.1Wahrscheinlichkeitsräume

Die mathematische Struktur des Wahrscheinlichkeitsraums dient als Modell für zufällige Vorgänge. Sind die Bestandteile des Wahrscheinlichkeitsraums festgelegt, so können alle relevanten Aspekte des zufälligen Vorgangs an diesem untersucht werden.

Auch wenn man sich seit etwa 100 Jahren auf ein einheitliches mathematisches Modell für zufällige Vorgänge geeinigt hat, die Axiome von Kolmogorow, gibt es nach wie vor zwei unterschiedliche Schulen/Denkweisen/Interpretationen in der Wahrscheinlichkeitsrechnung:

8.2.2Zufallsgrößen

Die praktische Handhabung von Ereignissen als Elemente der σ\sigma-Algebra eines Wahrscheinlichkeitsraums (Ω,A,P)(\Omega,\cA,P) ist eher mühsam. Angenehmer ist die Arbeit mit Funktionen, die zufällige Werte annehmen. Jede Wiederholung eines zufälligen Vorgangs kann dann einen anderen Funktionswert liefern. Dies erreicht man durch das Einführen von Zufallsgrößen.

Wichtig: Zufallsgrößen bieten keine zusätzlichen Erkenntnisse oder Möglichkeiten, sondern dienen nur der Bequemlichkeit bei der Arbeit mit Wahrscheinlichkeitsräumen. Dies geht soweit, dass man die Grundmenge Ω\Omega und die σ\sigma-Algebra A\cA gar nicht mehr konkret angibt, sondern lediglich den Wertebereich der betrachteten Zufallsgröße und die Wahrscheinlichkeiten P(X=xk)P(X=x_k) (diskrete Zufallsgrößen) bzw. P(Xx)P(X\leq x) (kontinuierliche Zufallsgrößen). Dabei sind P(X=xk)P(X=x_k) und P(Xx)P(X\leq x) Kurzschreibweisen für

P({ωΩ:  X(ω)=xk})undP({ωΩ:  X(ω)x}).P(\{\omega\in\Omega:\;X(\omega)=x_k\})\qquad\text{und}\qquad P(\{\omega\in\Omega:\;X(\omega)\leq x\}).

Die mittels einer Zufallsgröße erzeugten Werte heißen Realisierungen der Zufallsgröße.

Im Würfel-Beispiel gibt die Zufallsgröße die Struktur des Wahrscheinlichkeitsraums vollständig wieder. Im Raketen-Beispiel wird die Struktur der möglichen Ausgänge des zufälligen Vorgangs deutlich vereinfacht. Ein Verfeinern der Beschreibung eines zufälligen Vorgangs mittels Zufallsgrößen ist nicht möglich. Dies würde der von Zufallsgrößen geforderten Messbarkeit widersprechen.

8.2.3Verteilungen

Bei der Arbeit mit Zufallsgrößen treten die Grundmenge Ω\Omega und die σ\sigma-Algebra in den Hintergrund. Nur das Wahrscheinlichkeitsmaß PP des zugrundeliegenden Wahrscheinlichkeitsraums wird noch direkt genutzt. Allerdings ist auch die Handhabung von PP als auf der σ\sigma-Algebra A\cA definierte Abbildung zuweilen recht sperrig. Daher wird PP in Bezug auf eine Zufallsgröße gern anders beschrieben, nämlich als Verteilungsfunktion.

8.2.3.1Diskrete Zufallsgrößen

Ist XX eine diskrete Zufallsgröße mit endlich vielen Werten x1,,xnx_1,\ldots,x_n, so heißt die durch

p(xk):=P(X=xk),k=1,,n,p(x_k):=P(X=x_k),\qquad k=1,\ldots,n,

gegebene Funktion p:{x1,,xn}Rp:\{x_1,\ldots,x_n\}\to\bbR Wahrscheinlichkeitsfunktion der diskreten Zufallsgröße. Bei abzählbar unendlichen vielen Werten x1,x2,x_1,x_2,\ldots entsteht völlig analog eine Wahrscheinlichkeitsfunktion p:{x1,x2,}Rp:\{x_1,x_2,\ldots\}\to\bbR.

Die Funktion

F:R[0,1],F(x):=P(Xx)F:\bbR\to[0,1],\qquad F(x):=P(X\leq x)

heißt Verteilungsfunktion. Es gilt

F(x)=k:  xkxxk.F(x)=\sum_{k:\;x_k\leq x}x_k.

Oft auftretende Verteilungen diskreter Zufallsgrößen sind

8.2.3.2Kontinuierliche Zufallsgrößen

Ist XX eine kontinuierliche Zufallsgröße, so wird praktisch immer P(X=x)=0P(X=x)=0 gelten. Das Einführen einer Verteilung pp wie bei den diskreten Zufallsgrößen ist also nicht sinnvoll. Mit einem leicht geänderten Vorgehen erhalten wir jedoch ein analoges Ergebnis: Jede Funktion p:R[0,)p:\bbR\to[0,\infty), die

P(Xx)=xp(x)dxP(X\leq x)=\int_-\infty^x p(x)\diff x

erfüllt, heißt Dichtefunktion der kontinuierlichen Zufallsgröße.

Bezeichnen mit

F:R[0,1],F(x):=P(Xx)F:\bbR\to[0,1],\qquad F(x):=P(X\leq x)

auch im kontinuierlichen Fall die Verteilungsfunktion. Dann gilt

F(x)=xp(x)dx.F(x)=\int_{-\infty}^x p(x)\diff x.

Oft auftretende Verteilungen kontinuierlicher Zufallsgrößen sind

8.2.4Kenngrößen von Verteilungen

Grundlegende Eigenschaften der Verteilungen von Zufallsgrößen können durch verschiedenen Kenngrößen ausgedrückt werden.

8.2.4.1Erwartungswert

Der Erwartungswert einer diskreten Zufallsgröße XX mit Wahrscheinlichkeitsfunktion pp ist

EX:=kp(xk)xk.\bbE X:=\sum_k p(x_k)\,x_k.

Der Erwartungswert einer kontinuierlichen Zufallsgröße mit Dichtefunktion pp ist

EX:=xp(x)dx.\bbE X:=\sum_{-\infty}^\infty x\,p(x)\diff x.

Auf die Frage, unter welchen Bedingungen der Erwartungswert als endliche Zahl existiert, gehen wir hier nicht ein. Für übliche Verteilungen existiert der Erwartungswert stets und ist endlich.

8.2.4.2Varianz

Die Varianz einer Zufallsgröße ist mittlere quadratische Abweichung vom Erwartungswert:

D2X:=E((XEX)2).\bbD^2 X:=\bbE\bigl((X-\bbE X)^2\bigr).

Die Wurzel aus der Varianz wird als Standardabweichung bezeichnet.

8.2.4.3Quantile

Sei XX eine Zufallsgröße und sei t>0t>0. Die kleinste Zahl qtRq_t\in\bbR, die

P(Xqt)tP(X\leq q_t)\geq t

erfüllt, heißt Quantil zum Niveau tt. Ist FF die Verteilungsfunktion zu XX, so gilt also

F(qt)t.F(q_t)\geq t.

Bei stetiger streng monoton wachsender Verteilungsfunktion gilt also

F(qt)=t,F(q_t)=t,

d.h. die Abbildung tqtt\mapsto q_t ist die Umkehrung der Verteilungsfunktion.