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Man steht sehr oft vor dem Problem, dass man eine interessierende Größe nicht direkt messen kann, sondern nur aus Berechnungen auf diese schließen kann. Ausgangspunkt für die nötigen Berechnungen sind gemessene Werte, die praktisch immer mit einem nur ungefähr bekannten Messfehler behaftet sind. Frage: Wie wirken sich solche Messfehler auf aus Messwerten berechnete Größen aus?

6.4.1Ziel

In obigem Beispiel ist der Zusammenhang von Messwert und berechnetem Wert sehr einfach und die Fehlerfortpflanzung beim Rechnen gut überschaubar. Wie aber bei komplexeren Zusammenhängen vorgehen? Wie wirkt sich beispielsweise die etwas ungenau gemessene Kantenlänge eines Würfels auf das daraus berechnete Volumen des Körpers aus?

Ziel dieses Kapitels ist die Entwicklung eines systematischen Vorgehens, welches uns praktisch verwertbare Aussagen über den zu erwartenden Fehler in einer aus Messwerten berechneten Größe liefert. Zunächst betrachten wir nur Größen, die von genau einem Messwert abhängen. Im zweiten Semester erweitern wir das Vorgehen auf von mehreren Messwerten abhängige Größen.

Es wird sich zeigen, dass die Differentialrechnung und insbesondere die Taylor-Polynome hier gute Dienste leisten.

6.4.2Formalisierung

Die Aufgabenstellung ist also folgende: Gegeben ist eine Funktion ff, die eine messtechnisch zugängliche Zahl xexaktRx_{\mathrm{exakt}}\in\bbR in den gesuchten Wert f(xexakt)f(x_{\mathrm{exakt}}) überführt. Die praktische Messung liefert statt xexaktx_{\mathrm{exakt}} allerdings nur xmessx_{\mathrm{mess}}. Entsprechend steht in der Praxis nur f(xmess)f(x_{\mathrm{mess}}) zur Verfügung statt f(xexakt)f(x_{\mathrm{exakt}}).

Der exakte Wert xexaktx_{\mathrm{exakt}} ist üblicherweise nahe bei xmessx_{\mathrm{mess}} (sonst ist der Messprozess unbrauchbar), muss aber nicht mit xmessx_{\mathrm{mess}} übereinstimmen. Wir nehmen an, dass wir eine Fehlerschranke ΔmaxxR\Delta_{\mathrm{max}}x\in\bbR kennen, d.h. wir wissen, dass

xexaktxmessΔmaxx|x_{\mathrm{exakt}}-x_{\mathrm{mess}}|\leq\Delta_{\mathrm{max}}x

gilt. Daraus soll nun eine Aussage über die Größe des Fehlers

f(xexakt)f(xmess)|f(x_{\mathrm{exakt}})-f(x_{\mathrm{mess}})|

abgeleitet werden. Da wir f(xexakt)f(x_{\mathrm{exakt}}) nicht kennen, müssen wir vom schlechtesten Fall ausgehen, d.h. wir suchen nach der maximalen Abweichung Δmaxf\Delta_{\mathrm{max}}f bzgl. aller im Rahmen des maximalen Messfehlers Δmaxx\Delta_{\mathrm{max}}x denkbaren Werte f(xexakt)f(x_{\mathrm{exakt}}). In jedem Fall wird also

f(xexakt)f(xmess)Δmaxf|f(x_{\mathrm{exakt}})-f(x_{\mathrm{mess}})|\leq\Delta_{\mathrm{max}}f

gelten.

Absolute Fehler schreibt man im Ingenieurwesen gern in der Form

f(xexakt)=f(xmess)±Δmaxfbzw.xexakt=xmess±Δmaxx,f(x_{\mathrm{exakt}})=f(x_{\mathrm{mess}})\pm\Delta_{\mathrm{max}}f\quad\text{bzw.}\quad x_{\mathrm{exakt}}=x_{\mathrm{mess}}\pm\Delta_{\mathrm{max}}x,

meint damit aber stets, dass der exakte Wert höchstens (nicht genau!) um Δmaxf\Delta_{\mathrm{max}}f bzw. Δmaxx\Delta_{\mathrm{max}}x vom gemessenen Wert abweicht.

Relative Fehler gibt man gern in Prozent an, also beispielsweise 0.1 % statt 0.001.

6.4.3Vorgehen

Theoretisch könnte man den zu erwartenden Fehler als

Δmaxf=maxxXf(x)f(xmess)\Delta_{\mathrm{max}}f=\max_{x\in X}|f(x)-f(x_{\mathrm{mess}})|

berechnen, wobei

X:=[xmessΔmaxx,xexakt+Δmaxx]X:=[x_{\mathrm{mess}}-\Delta_{\mathrm{max}}x,\,x_{\mathrm{exakt}}+\Delta_{\mathrm{max}}x]

das Intervall der infrage kommenden exakten Werte ist. Dieses Maximum ist jedoch (auch mit dem Computer!) nur sehr mühsam berechenbar und damit für den praktischen Einsatz untauglich. Ersetzen wir ff jedoch durch ein Taylor-Polynom, so wird die Sache handhabbar. Schon das Taylor-Polynom ersten Grades (Tangente) reicht in den meisten Fällen völlig aus. Als Entwicklungsstelle wählen wir natürlich xmessx_{\mathrm{mess}}, da dieser Wert einerseits ohnehin vorliegt und andererseits alle Betrachtungen in der nahen Umgebung dieser Stelle stattfinden, also dort, wo die Abweichung zwischen Funktion und dem so konstruierten Taylor-Polynom gering ist. Mit dem Restglied

R(ξ,x,xmess):=12f(ξ)(xxmess)2R(\xi,x,x_{\mathrm{mess}}):=\frac{1}{2}\,f''(\xi)\,(x-x_{\mathrm{mess}})^2

erhalten wir

Δmaxf=maxxXf(xmess)+f(xmess)(xxmess)+R(ξ,x,xmess)f(xmess)=maxxXf(xmess)(xxmess)+R(ξ,x,xmess).{\begin{align} \Delta_{\mathrm{max}}f&=\max_{x\in X}\,\bigl|f(x_{\mathrm{mess}})+f'(x_{\mathrm{mess}})\,(x-x_{\mathrm{mess}})+R(\xi,x,x_{\mathrm{mess}})-f(x_{\mathrm{mess}})\bigr|\\ &=\max_{x\in X}\,\bigl|f'(x_{\mathrm{mess}})\,(x-x_{\mathrm{mess}})+R(\xi,x,x_{\mathrm{mess}})\bigr|. \end{align}}

Da ξ\xi stets zwischen xx und xmessx_{\mathrm{mess}} liegt, können wir diesen Wert nach oben abschätzen:

ΔmaxfmaxxXf(xmess)(xxmess)+maxxXmaxξXR(ξ,x,xmess)=f(xmess)maxxXxxmess+12(maxξXf(ξ))maxxXxxmess2=f(xmess)Δmaxx+12(maxξXf(ξ))(Δmaxx)2.{\begin{align} \Delta_{\mathrm{max}}f&\leq\max_{x\in X}\,\bigl|f'(x_{\mathrm{mess}})\,(x-x_{\mathrm{mess}})\bigr|+\max_{x\in X}\max_{\xi\in X}\,\bigl|R(\xi,x,x_{\mathrm{mess}})\bigr|\\ &=\bigl|f'(x_{\mathrm{mess}})\bigl|\,\max_{x\in X}\,|x-x_{\mathrm{mess}}|+\frac{1}{2}\,\left(\max_{\xi\in X}\,\bigl|f''(\xi)\bigr|\right)\,\max_{x\in X}\,|x-x_{\mathrm{mess}}|^2\\ &=\bigl|f'(x_{\mathrm{mess}})\bigl|\,\Delta_{\mathrm{max}}x+\frac{1}{2}\,\left(\max_{\xi\in X}\,\bigl|f''(\xi)\bigr|\right)\,\bigl(\Delta_{\mathrm{max}}x\bigr)^2. \end{align}}

Üblicherweise wird Δmaxx\Delta_{\mathrm{max}}x klein sein, insbesondere viel kleiner als 1 (Schreibweise: Δmaxx1\Delta_{\mathrm{max}}x\ll 1). Folglich wird (Δmaxx)2\bigl(\Delta_{\mathrm{max}}x\bigr)^2 deutlich kleiner sein als Δmaxx\Delta_{\mathrm{max}}x. Für Δmaxx=0.01\Delta_{\mathrm{max}}x=0.01 erhalten wir beispielsweise (Δmaxx)2=0.0001\bigl(\Delta_{\mathrm{max}}x\bigr)^2=0.0001. Zum Zwecke der Beurteilung des zu erwartenden Fehlers genügt also die Betrachtung des ersten Summanden. Nur in wenigen Ausnahmefällen, z.B. wenn der Messfehler sehr groß ist oder wenn die Funktion ff stark gekrümmt ist (große zweite Ableitung!), ist der quadratische Fehleranteil relevant. In solch einem Fall können auch Taylor-Polynome zweiten Grades verwendet werden, damit man sich die aufwendige (und ggf. gar nicht machbare) Maximierung der zweiten Ableitung spart (man vernachlässigt dann den Term dritter Ordnung).

Beachte jedoch: Bei streng mathematischer Betrachtung gilt diese Abschätzung nicht!

6.4.4Beispiele

Der im zweiten Beispiel beobachtete Effekt, dass das Vernachlässigen des zweiten Summanden in der Fehlerabschätzung auch bei Δmaxx>1\Delta_{\mathrm{max}}x>1 hinnehmbar ist, ist nicht (!) allgemein gültig, sondern der konkreten Struktur der betrachteten Funktion geschuldet: Für wachsendes Argument bleibt die Krümmung (zweite Ableitung) konstant, während der Anstieg (erste Ableitung) wächst. Dadurch bleibt der zweite Summand in der Fehlerabschätzung vergleichsweise (!) klein, obwohl der große maximale Messfehler dort quadratisch eingeht.