Man steht sehr oft vor dem Problem, dass man eine interessierende Größe nicht direkt messen kann, sondern nur aus Berechnungen auf diese schließen kann. Ausgangspunkt für die nötigen Berechnungen sind gemessene Werte, die praktisch immer mit einem nur ungefähr bekannten Messfehler behaftet sind. Frage: Wie wirken sich solche Messfehler auf aus Messwerten berechnete Größen aus?
In obigem Beispiel ist der Zusammenhang von Messwert und berechnetem Wert sehr einfach und die Fehlerfortpflanzung beim Rechnen gut überschaubar. Wie aber bei komplexeren Zusammenhängen vorgehen? Wie wirkt sich beispielsweise die etwas ungenau gemessene Kantenlänge eines Würfels auf das daraus berechnete Volumen des Körpers aus?
Ziel dieses Kapitels ist die Entwicklung eines systematischen Vorgehens, welches uns praktisch verwertbare Aussagen über den zu erwartenden Fehler in einer aus Messwerten berechneten Größe liefert. Zunächst betrachten wir nur Größen, die von genau einem Messwert abhängen. Im zweiten Semester erweitern wir das Vorgehen auf von mehreren Messwerten abhängige Größen.
Es wird sich zeigen, dass die Differentialrechnung und insbesondere die Taylor-Polynome hier gute Dienste leisten.
Die Aufgabenstellung ist also folgende: Gegeben ist eine Funktion f, die eine messtechnisch zugängliche Zahl xexakt∈R in den gesuchten Wert f(xexakt) überführt. Die praktische Messung liefert statt xexakt allerdings nur xmess. Entsprechend steht in der Praxis nur f(xmess) zur Verfügung statt f(xexakt).
Der exakte Wert xexakt ist üblicherweise nahe bei xmess (sonst ist der Messprozess unbrauchbar), muss aber nicht mit xmess übereinstimmen. Wir nehmen an, dass wir eine FehlerschrankeΔmaxx∈R kennen, d.h. wir wissen, dass
abgeleitet werden. Da wir f(xexakt) nicht kennen, müssen wir vom schlechtesten Fall ausgehen, d.h. wir suchen nach der maximalen Abweichung Δmaxf bzgl. aller im Rahmen des maximalen Messfehlers Δmaxx denkbaren Werte f(xexakt). In jedem Fall wird also
das Intervall der infrage kommenden exakten Werte ist. Dieses Maximum ist jedoch (auch mit dem Computer!) nur sehr mühsam berechenbar und damit für den praktischen Einsatz untauglich. Ersetzen wir f jedoch durch ein Taylor-Polynom, so wird die Sache handhabbar. Schon das Taylor-Polynom ersten Grades (Tangente) reicht in den meisten Fällen völlig aus. Als Entwicklungsstelle wählen wir natürlich xmess, da dieser Wert einerseits ohnehin vorliegt und andererseits alle Betrachtungen in der nahen Umgebung dieser Stelle stattfinden, also dort, wo die Abweichung zwischen Funktion und dem so konstruierten Taylor-Polynom gering ist. Mit dem Restglied
Üblicherweise wird Δmaxx klein sein, insbesondere viel kleiner als 1 (Schreibweise: Δmaxx≪1). Folglich wird (Δmaxx)2 deutlich kleiner sein als Δmaxx. Für Δmaxx=0.01 erhalten wir beispielsweise (Δmaxx)2=0.0001. Zum Zwecke der Beurteilung des zu erwartenden Fehlers genügt also die Betrachtung des ersten Summanden. Nur in wenigen Ausnahmefällen, z.B. wenn der Messfehler sehr groß ist oder wenn die Funktion f stark gekrümmt ist (große zweite Ableitung!), ist der quadratische Fehleranteil relevant. In solch einem Fall können auch Taylor-Polynome zweiten Grades verwendet werden, damit man sich die aufwendige (und ggf. gar nicht machbare) Maximierung der zweiten Ableitung spart (man vernachlässigt dann den Term dritter Ordnung).
Beachte jedoch: Bei streng mathematischer Betrachtung gilt diese Abschätzung nicht!
Der im zweiten Beispiel beobachtete Effekt, dass das Vernachlässigen des zweiten Summanden in der Fehlerabschätzung auch bei Δmaxx>1 hinnehmbar ist, ist nicht (!) allgemein gültig, sondern der konkreten Struktur der betrachteten Funktion geschuldet: Für wachsendes Argument bleibt die Krümmung (zweite Ableitung) konstant, während der Anstieg (erste Ableitung) wächst. Dadurch bleibt der zweite Summand in der Fehlerabschätzung vergleichsweise (!) klein, obwohl der große maximale Messfehler dort quadratisch eingeht.