Das explizite und das implizite Euler-Verfahren setzen die naheliegende Idee um, den Ableitung y′ durch einen Differenzenquotient auf einen äquidistanten Gitter zu ersetzen (vgl. numerische Differentiation). Damit gehören sie zu den einfachsten Verfahren für das numerische Lösen von gewöhnlichen Differentialgleichungen und Systemen von Differentialgleichungen.
Das explizite Euler-Verfahren ist praktisch kaum relevant, da die Lösungen zu ungenau sind. Das implizite Euler-Verfahren ist hingegen praktisch einsetzbar.
Für k=0,1,2,… können damit y′(xk) durch den üblichen Vorwärtsdifferenzenquotient ersetzen und erhalten damit für die Differentialgleichung an den Stellen x0,x1,x2,…:
Das explizite Euler-Verfahren liefert nur für kleine Schrittweiten h und auch nur für wenige Schritte brauchbare Lösungen. Je größer h ist oder je mehr Schritte ausgeführt werden, desto größer wird die Differenz zwischen exakter und numerisch berechneter Lösung. Man kann zeigen, dass stets
gilt mit Konstanten c1,c2>0 die nur von f abhängen. Diese Abschätzung liefert zwei Erkenntnisse:
Für feste Schrittweite h kann die Differenz zwischen berechnetem und exaktem Funktionswert exponentiell bezüglich der Schrittanzahl wachsen.
Betrachtet man immer kleinere Schrittweiten h→0, wählt dabei aber k in Abhängigkeit von h so, dass xk stets die selbe Stelle x beschreibt (also hk konstant ist), so geht der Fehler bei ∣y(x)−yk∣ gegen Null. Genauer gilt
Gleichungen höherer Ordnung können stets als Systeme erster Ordnung geschrieben werden, sodass das explizite Euler-Verfahren auch für Gleichungen höherer Ordnung einsetzbar ist.
Zur Berechnung von yk+1 aus yk ist somit ein (nichtlineares) Gleichungssystem zu lösen, da die gesuchte Größe yk+1 nur implizit durch eine Gleichung beschrieben wird.
Das implizite Euler-Verfahren wählt den Wert yk+1 gerade so, dass man bei einem Schritt entgegen des Richtungsfeldes der Differentialgleichung gerade den vorhergehenden Punkt (xk,yk) erreicht (IDV 635).
Beim Fehlerverhalten des impliziten Euler-Verfahrens gelten grundsätzlich die gleichen Aussagen wie beim expliziten Euler-Verfahren. Allerdings sind die Situationen, in den des exponentielle Fehlerwachstum tatsächlich auftritt deutlich seltener. Diese Situationen kann man recht konkret angeben, was wir hier aber nicht tun.
Der Preis für das bessere Fehlerverhalten ist die Notwendigkeit, in jedem Schritt eine nichtlineare Gleichung zu Lösen. Da allerdings mit dem vorhergehenden Funktionswert yk ein guter Startwert zur Verfügung steht, sind meist nur sehr wenige Newton-Iterationen nötig.
Analog zum expliziten Euler-Verfahren kann auch das implizite Euler-Verfahren zum Lösen von Differentialgleichungssystemen (und damit von Gleichungen höherer Ordnung) eingesetzt werden. In jedem Schritt ist dann ein nichtlineares Gleichungssystem zu lösen.