Skip to article frontmatterSkip to article content
Site not loading correctly?

This may be due to an incorrect BASE_URL configuration. See the MyST Documentation for reference.

Eine wichtige Anwendung der bisher eingeführten Werkzeuge sind Koordinatentransformationen einschließlich damit verbundener Projektionstechniken (siehe unter für ein Praxisbeispiel). Ziel ist die Wahl von für den jeweiligen Einsatzzweck besonders gut geeigneten Koordinatensystemen zur Beschreibung der Position von Punkten und anderen geometrischen Objekten. Gut geeignet ist ein Koordinatensystem immer dann, wenn die Koordinaten der betrachteten Objekte einfach zu handhaben sind, also z.B. nur wenige Koordinaten von Null verschieden sind oder relevante Objekteigenschaften direkt aus den Koordinaten abgelesen werden können.

Konzentrieren uns hier auf lineare Koordinatentransformationen. Erwähnen aber zunächst zwei wichtige nichtlineare Transformationen.

5.6.1Nichtlineare Koordinatentransformationen

Für die spätere Verwendung, jedoch ohne nähere Untersuchung, seien hier Polar- und Kugelkoordinaten erwähnt. Dabei handelt es sich um sehr spezielle Koordinatensysteme, die nicht durch lineare Transformationen aus dem Standardkoordinatensystem erhalten werden können. Unter “Standardkoordinatensystem” verstehen wir in R2\bbR^2 die Angabe von Koordinaten bezüglich der Basis {[10]T,[01]T}\bigl\{{\begin{bmatrix}1&0\end{bmatrix}}^\rmT,{\begin{bmatrix}0&1\end{bmatrix}}^\rmT\bigr\}; in R3\bbR^3 analog. Solche Koordinatensysteme und entsprechende Transformationen sind Inhalt von spezielleren Lehrveranstaltungen zum Vermessungswesen.

5.6.1.1Polarkoordinaten

Als Polarkoordinaten versteht man die Darstellung eines Punktes (x,y)(x,y) in der Ebene durch zwei Werte r0r\geq 0 und φ[0,2π)\varphi\in[0,2\,\pi), wobei rr der Abstand zum Koordinatenursprung ist und φ\varphi den Winkel zwischen positiver xx-Achse und dem Strahl vom Ursprung durch (x,y)(x,y) angibt. Polarkoordinaten hatten wir bereits im Abschnitt Trigonometrische Funktionen eingeführt; dort findet man auch eine grafische Darstellung des Sachverhalts.

Die Transformation von Polarkoordinaten zu Standardkoordinaten ist durch

x=rcosφ,y=rsinφ{\begin{align} x&=r\,\cos\varphi,\\ y&=r\,\sin\varphi \end{align}}

gegeben. In umgekehrter Richtung gilt

r=x2+y2.r=\sqrt{x^2+y^2}.

Die Berechnung von φ\varphi lässt sich jedoch nur umständlich als Formel aufschreiben. Allerdings bieten mathematische Software-Bibliotheken (z.B. NumPy) meist eine Funktion atan2 an. Dies ist eine spezielle Variante des Arcustangens, die zu den zwei zu übergebenden Argumenten xx und yy gerade den Winkel φ\varphi liefert.

5.6.1.2Kugelkoordinaten

Als Kugelkoordinaten versteht man die Darstellung eines Punktes (x,y,z)R3(x,y,z)\in\bbR^3 im Raum durch drei Werte r>0r>0, φ[0,2π)\varphi\in[0,2\,\pi) und ϑ[0,π]\vartheta\in[0,\pi], wobei rr der Abstand zum Ursprung ist, φ\varphi den Winkel zwischen positiver xx-Achse und dem Strahl vom Ursprung durch (x,y,0)(x,y,0) angibt und ϑ\vartheta der Winkel zwischen positiver zz-Achse und dem Strahl vom Ursprung durch (x,y,z)(x,y,z) ist.

Skizze mit relevanten Größen bei Kugelkoordinaten

Lage der Winkel bei Kugelkoordinaten (Quelle: commons.wikimedia.org, Nutzer Inductiveload, CC0, vom Autor bearbeitet).

Die Transformation von Kugelkoordinaten zu Standardkoordinaten ist durch

x=r(cosφ)sinϑ,y=r(sinφ)sinϑ,z=rcosϑ{\begin{align} x&=r\,(\cos\varphi)\,\sin\vartheta,\\ y&=r\,(\sin\varphi)\,\sin\vartheta,\\ z&=r\,\cos\vartheta \end{align}}

gegeben. In umgekehrter Richtung gilt

r=x2+y2+z2.r=\sqrt{x^2+y^2+z^2}.

Die Berechnung der beiden Winkel lässt sich nur mühsam in Formeln ausdrücken und entfällt hier deshalb.

Beachte, dass die hier wiedergegebene und in der Mathematik übliche Form der Kugelkoordinaten von der in der Geografie üblichen Darstellung abweicht. Der Winkel φ\varphi entspricht der geografischen Länge eines Punktes, wobei in der Geografie meist das Intervall (π,π](-\pi,\pi] verwendet wird. Der Winkel ϑ\vartheta entspricht gerade dem Wert

π2geografische Breite.\frac{\pi}{2}-\text{geografische Breite}.

Statt vom Nordpol ausgehend misst man in der Geografie also relativ zur Äquatorebene.

Skizze mit relevanten Größen bei geografischen Koordinaten

Lage der Winkel bei geografischen Koordinaten (Quelle: commons.wikimedia.org, Nutzer Peter Mercator, CC0, vom Autor bearbeitet).

Außerdem werden in der Geografie Breite und Länge üblicherweise im Gradmaß und nicht, wie in der Mathematik verbreitet, im Bogenmaß angegeben. In beiden Gebieten ist jedoch im Prinzip beides möglich, da sich die entsprechenden Zahlenwerte nur um einen konstanten Faktor unterscheiden:

Winkel im Gradmaß=180πWinkel im Bogenmaß.\text{Winkel im Gradmaß}=\frac{180}{\pi}\cdot\text{Winkel im Bogenmaß}.

5.6.2Koordinatensysteme

Haben den Begriff “Koordinatensystem” bisher eher intuitiv verwendet ohne genauere Definition. Präzisieren diesen Begriff nun, damit Missverständnisse vermieden werden. Beachte, dass wir im Weiteren nur geradlinige, rechtwinklige Koordinatensystem betrachten ohne dies explizit sprachlich sichtbar zu machen, also solche, die die folgenden beiden Bedingungen erfüllen:

Beispielsweise liefern Polarkoordinaten und Kugelkoordinaten keine geradlinigen Koordinatensysteme, da das Verändern eines Winkels zu einer krummlinigen Bewegung des Punktes führt. Manchmal werden die hier betrachteten Koordinatensysteme als “kartesisch” bezeichnet. Diese Bezeichnung wird aber in der Literatur unterschiedlich verwendet.

Skizze aller in der Definition des Begriffs Koordinatensystem relevanten Größen

Die Koordinaten das Punktes PP bzgl. des Koordinatensystems (Θ,B)(\Theta,B) sind gerade die Koordinaten des Vektors ΘP\overrightarrow{\Theta P} bzgl. der Basis BB.

Im Folgenden bezeichnen wir mit {e1,,en}\{e_1,\ldots,e_n\} stets die Standardbasis in Rn\bbR^n (eke_k hat als kk-te Komponente eine Eins, sonst Nullen). Zusammen mit dem Ursprung (0,,0)Rn(0,\ldots,0)\in\bbR^n beschreibt diese das Standardkoordinatensystem in Rn\bbR^n.

Beachte, dass wir zwischen “Koordinaten bzgl. einer Basis” und “Koordinaten bzgl. eines Koordinatensystems” unterscheiden. Erstere werden relativ zum Punkt (0,,0)(0,\ldots,0) angegeben, letztere relativ zum Ursprung des Koordinatensystems. Die Koordinaten bzgl. einer Basis BB sind identisch mit den Koordinaten bzgl. des Koordinatensystems (0,B)(0,B) (hier steht 0 für den Nullpunkt (0,,0)(0,\ldots,0)).

Schreiben wir die Basisvektoren eines Koordinatensystems (Θ,B)(\Theta,B) als Spalten in eine Matrix, so können wir entsprechend den Ausführungen in Beispiel: Koordinaten bzgl. einer Basis die Koordinaten eines Punktes PP bzgl. des Koordinatensystems als Matrix-Vektor-Produkt berechnen. Um nicht zu viele verschiedene Symbole einzuführen, verwenden wir für die Basis und für die Matrix der Basisvektoren das selbe Symbol BB. Je nach Kontext handelt es sich dabei also um eine Menge von Vektoren oder um eine Matrix! Für die Koordinaten u1,,unu_1,\ldots,u_n eines Punktes P=(p1,,pn)RnP=(p_1,\ldots,p_n)\in\bbR^n bzgl. des Koordinatensystems (Θ,B)(\Theta,B) gilt nun

[u1un]=BT[p1θ1pnθn].{\begin{bmatrix}u_1\\\vdots\\u_n\end{bmatrix}}=B^\rmT\,{\begin{bmatrix}p_1-\theta_1\\\vdots\\p_n-\theta_n\end{bmatrix}}.

Umgekehrt bekommt man aus den Koordinaten u1,,unu_1,\ldots,u_n auch die Werte p1,,pnp_1,\ldots,p_n zurück (vorherige Formel umstellen; dabei BT=B1B^\rmT=B^{-1} beachten):

[p1pn]=[θ1θn]+B[u1un].{\begin{bmatrix}p_1\\\vdots\\p_n\end{bmatrix}}={\begin{bmatrix}\theta_1\\\vdots\\\theta_n\end{bmatrix}}+B\,{\begin{bmatrix}u_1\\\vdots\\u_n\end{bmatrix}}.

5.6.3Wechsel des Koordinatensystems

Als lineare Koordinatentransformation bezeichnen wir die Berechnung der Koordinaten eines Punktes bzgl. eines “neuen” Koordinatensystems aus den Koordinaten dieses Punktes bzgl. eines “alten” Koordinatensystems. Wie wir sehen werden, entspricht die Transformationsformel, die die alten Koordinaten in die neuen überführt, bis auf zusätzliche Verschiebungsoperationen einer linearen Abbildung von Rn\bbR^n nach Rn\bbR^n.

Sei also (Θ,B)(\Theta,B) mit Θ=(θ1,,θn)\Theta=(\theta_1,\ldots,\theta_n) und B={b1,,bn}B=\{b_1,\ldots,b_n\} das “alte” Koordinatensystem und seien u1,,unu_1,\ldots,u_n die Koordinaten eines Punktes P=(p1,,pn)RnP=(p_1,\ldots,p_n)\in\bbR^n bezüglich dieses Koordinatensystems. Weiter sei (Γ,C)(\Gamma,C) mit Γ=(γ1,,γn)\Gamma=(\gamma_1,\ldots,\gamma_n) und C={c1,,cn}C=\{c_1,\ldots,c_n\} das “neue” Koordinatensystem und v1,,vnv_1,\ldots,v_n seien die Koordinaten des Punktes PP bezüglich dieses Koordinatensystems. Wir wissen bereits, dass die folgenden Beziehungen gelten:

Setzen wir die zweite Formel in die erste ein, so erhalten wir die gesuchte Transformationsvorschrift:

[v1vn]=CT[p1γ1pnγn]=CT[p1pn]CT[γ1γn]=CT[θ1θn]+CTB[u1un]CT[γ1γn]=CT[θ1γ1θnγn]+CTB[u1un].{\begin{align} {\begin{bmatrix}v_1\\\vdots\\v_n\end{bmatrix}} &=C^\rmT\,{\begin{bmatrix}p_1-\gamma_1\\\vdots\\p_n-\gamma_n\end{bmatrix}} =C^\rmT\,{\begin{bmatrix}p_1\\\vdots\\p_n\end{bmatrix}}-C^\rmT\,{\begin{bmatrix}\gamma_1\\\vdots\\\gamma_n\end{bmatrix}}\\ &=C^\rmT\,{\begin{bmatrix}\theta_1\\\vdots\\\theta_n\end{bmatrix}}+C^\rmT\,B\,{\begin{bmatrix}u_1\\\vdots\\u_n\end{bmatrix}}-C^\rmT\,{\begin{bmatrix}\gamma_1\\\vdots\\\gamma_n\end{bmatrix}}\\ &=C^\rmT\,{\begin{bmatrix}\theta_1-\gamma_1\\\vdots\\\theta_n-\gamma_n\end{bmatrix}}+C^\rmT\,B\,{\begin{bmatrix}u_1\\\vdots\\u_n\end{bmatrix}}. \end{align}}

Der Übergang zwischen zwei Koordinatensystemen besteht also aus dem Anwenden einer linearen Abbildung (Multiplikation mit einer Matrix) und einer Verschiebung.

5.6.4Beispiel: Orthografische Azimuthalprojektion

5.6.4.1Problemstellung und Lösungsansatz

Für eine Region (z.B. Deutschland) soll eine möglichst verzerrungsarme, zweidimensionale Kartendarstellung gefunden werden. Der Einfachheit halber legen wir uns auf orthografische Azimuthalprojektionen fest. Bei diesen ist die Verzerrung in der Kartenmitte am geringsten, sodass wir als Kartenmitte die “Mitte” der darzustellenden Region wählen. Unter “Mitte” verstehen wir hier den Punkt auf der Erdoberfläche, für den die maximale Entfernung zu allen anderen Punkten der Region am geringsten ist. Für Deutschland ist dies 10.456555° östliche Länge, 51.237923° nördliche Breite (Quelle: Administrative units/azimuthal equidistant projections datasets).

Zu einem durch geografische Länge und Breite gegebenen Punkt auf der Erdoberfläche sind die Koordinaten bezüglich des Kartenkoordinatensystems gesucht. Der Ursprung dieses Koordinatensystems liegt im Mittelpunkt der Region und die relevante Kartenebene (die Ebene, die von den ersten beiden Koordinatenachsen aufgespannt wird) soll die als Kugeloberfläche angenommene Erdoberfläche in diesem Punkt berühren, aber nicht schneiden (Stichwort: Tangentialebene; diesen Begriff diskutieren wir nächstes Semester genauer).

Aufgabe: Man finde eine Formel, die Längen- und Breitenangaben in Kartenkoordinaten überführt.

Wir werden diese Aufgabe in drei Schritten lösen:

  1. Längen- und Breitenangaben in Punkte in R3\bbR^3 überführen.

  2. Eine Basis für die Beschreibung des Kartenkoordinatensystems wählen (der Ursprung ist schon geklärt).

  3. Die Berechnung der Koordinaten eines Punktes bzgl. des Kartenkoordinatensystems klären.

  4. Eine Gesamtformel “zusammenbauen”, die die Aufgabenstellung löst.

5.6.4.2Punkte im Raum

Seien λ(180°,180°]\lambda\in(-180°,180°] und ζ[90°,90°]\zeta\in[-90°,90°] geografische Länge und Breite eines Punktes auf der Erdoberfläche im Gradmaß. Wir legen die als Kugeloberfläche angenommene Erdoberfläche so in den R3\bbR^3, dass

Für einen durch geografische Längen- und Breitenangaben λ\lambda und ζ\zeta beschriebenen Punkt PP auf der Erdoberfläche erhalten wir die Koordinaten bzgl. des Standardkoordinatensystems in R3\bbR^3 somit als

x=r(cos(π180°λ))sin(π2π180°ζ),y=r(sin(π180°λ))sin(π2π180°ζ),z=rcos(π2π180°ζ).{\begin{align} x&=r\,\left(\cos\left(\frac{\pi}{180°}\,\lambda\right)\right)\,\sin\left(\frac{\pi}{2}-\frac{\pi}{180°}\,\zeta\right),\\ y&=r\,\left(\sin\left(\frac{\pi}{180°}\,\lambda\right)\right)\,\sin\left(\frac{\pi}{2}-\frac{\pi}{180°}\,\zeta\right),\\ z&=r\,\cos\left(\frac{\pi}{2}-\frac{\pi}{180°}\,\zeta\right). \end{align}}

Dabei ist r=6371r=6371 der mittlere Erdradius in Kilometer. Die Koordinaten xx, yy, zz sind entsprechend ebenfalls als Entfernungen vom Ursprung in Kilometer zu interpretieren.

Die Koordinaten des Mittelpunkts der betrachteten Region bezeichnen wir mit x0,y0,z0x_0,y_0,z_0. Diese entstehen mittels obiger Formeln aus Länge λ0\lambda_0 und Breite ζ0\zeta_0 des Mittelpunkts der Region.

5.6.4.3Kartenkoordinatensystem

Legen nun Schritt für Schritt die Richtungen der Koordinatenachsen des Kartenkoordinatensystems fest. Beachte dabei, dass das gewünschte Koordinatensystem mit den ersten beiden Achsen die horizontale und die vertikale Achse der Karte beschreiben soll. Die dritte Achse steht senkrecht auf der Kartenebene und spielt in der zweidimensionalen Kartendarstellung keine Rolle. Wir bezeichnen die den Achsen entsprechenden Basisvektoren in dieser Reihenfolge mit b1,b2,b2R3b_1,b_2,b_2\in\bbR^3.

Skizze mit relevanten Größen für die Transformation von geografischen Koordinaten zu Kartenkoordinaten

Übersicht über die beteiligten Größen und Symbole. Die uu-, vv- und ww-Achsen sind die durch die Basisvektoren b1,b2,b3b_1,b_2,b_3 definierten Koordinatenachsen (Quelle: commons.wikimedia.org, Nutzer Ag2gaeh, CC BY-SA 4.0, vom Autor bearbeitet).

Da der Vektor b3b_3 senkrecht zur Kartenebene verlaufen soll, entspricht dieser gerade der Richtung des Strahls vom Kugelmittelpunkt durch den Mittelpunkt (x0,y0,z0)(x_0,y_0,z_0) der betrachteten Region. Somit wählen wir

b3:=1x02+y02+z02[x0y0z0].b_3:=\frac{1}{\sqrt{x_0^2+y_0^2+z_0^2}}\,{\begin{bmatrix}x_0\\y_0\\z_0\end{bmatrix}}.

Der Vektor b2b_2 muss senkrecht zu b3b_3 verlaufen. Außerdem möchten wir die Kartendarstellung gern so einrichten, dass “Norden oben ist”. Bei einer gedachten Bewegung von (x0,y0,z0)(x_0,y_0,z_0) ausgehend mit Richtung b2b_2 muss also die zz-Achse durchstoßen werden. Elementargeometrische Berechnungen (Schnittpunkt der zu b3b_3 senkrechten Ebene durch (x0,y0,z0)(x_0,y_0,z_0) mit der zz-Achse; b2b_2 ist dann der Vektor von (x0,y0,z0)(x_0,y_0,z_0) zu diesem Schnittpunkt zuzüglich Normierung) liefern

b2:=b~2b~2mitb~2:=[x0y0x02+y02+z02z0z0].b_2:=\frac{\tilde{b}_2}{\|\tilde{b}_2\|}\quad\text{mit}\quad\tilde{b}_2:={\begin{bmatrix}-x_0\\-y_0\\\frac{x_0^2+y_0^2+z_0^2}{z_0}-z_0\end{bmatrix}}.

Der Vektor b1b_1 ergibt sich nun als Kreuzprodukt von b2b_2 und b3b_3 zuzüglich Normierung:

b1:=b2×b3b2×b3b_1:=\frac{b_2\times b_3}{\|b_2\times b_3\|}

(auf eine explizite Formel verzichten wir hier; diese Rechnung erledigt für konkrete x0,y0,z0x_0,y_0,z_0 später der Computer).

5.6.4.4Transformationsformel

Schreiben wir die Basisvektoren b1,b2,b3b_1,b_2,b_3 als Spalten in eine Matrix BR3×3B\in\bbR^{3\times 3}, so erhalten wir für die Koordinaten u,v,wu,v,w eines Punktes (x,y,z)R3(x,y,z)\in\bbR^3 bzgl. des Kartenkoordinatensystems die Formel

[uvw]=BT[xx0yy0zz0].{\begin{bmatrix}u\\v\\w\end{bmatrix}}=B^\rmT\,{\begin{bmatrix}x-x_0\\y-y_0\\z-z_0\end{bmatrix}}.

5.6.4.5Umsetzung am Computer

Zum Test der Transformation möchten wir die Grenze von Deutschland in einer Karte darstellen. Die Datei germany.txt enthält geografische Länge und Breite von 3000 Punkten auf der Grenze. Diese wurden zufällig aus der durch 159230 Punkte dargestellten Grenze von Deutschland in OpenStreetMap ausgewählt (Stand: 23.08.2026). Das Einlesen der Punkte kann mit numpy.genfromtxt erfolgen. Anschließend erfolgt die oben hergeleitete Transformation in Kartenkoordinaten.

<Figure size 640x480 with 1 Axes>

Die Ursache für das Fehlen von Punkten in den Küstenregionen liegt im einfachen Grenzverlauf dort. Dieser lässt sich mit deutlich weniger Punkten beschreiben, sodass bei der zufälligen Auswahl von Punkten entsprechend weniger Punkte in Küstenregionen ausgewählt werden.

Wir können auch die ww-Koordinate visualisieren, indem wir die einzelnen Punkte entsprechend einfärben:

<Figure size 640x480 with 2 Axes>

Wir sehen dass die ww-Koordinate zur Kartenmitte hin näher bei Null liegt als zum Kartenrand hin. Diese Beobachtung deckt sich mit der Theorie, denn die ww-Koordinate gibt den Abstand eines Punktes auf der Erdoberfläche von der Kartenebene an. Insbesondere müssen alle ww-Koordinaten negativ sein. An der Nordgrenze und an der Südgrenze beträgt der Abstand zwischen Kartenebene und der (als Kugeloberfläche angenommenen) Erdoberfläche bis zu 16 Kilometer.

Ohne Kenntnis der Techniken zur Koordinatentransformation hätten wir nur die Längen- und Breitenwerte direkt als Koordinaten in einer zweidimensionalen Darstellung verwenden können. Dies liefert eine sogenannte Plattkarte. Zum Vergleich legen wir beide Varianten übereinander und skalieren die Plattkarte so, dass bei v0v\approx 0 die uu-Koordinaten übereinstimmen (der Skalierungsfaktor wurde hier manuell durch Probieren verschiedener Werte gewählt).

<Figure size 640x480 with 1 Axes>

Offensichtlich führt die (triviale) Darstellung als Plattkarte (grau) zu einer deutlich stärkeren Verzerrung als die mittels linearer Koordinatentransformation erhaltene orthografische Azimuthalprojektion (blau).

Auch bei unterschiedlicher Skalierung in horizontaler und vertikaler Richtung ist die Plattkarte nicht mit der sauber projizierten Karte in Deckung zu bringen. Wählt man die Skalierungsfaktoren beispielsweise so, dass im Süden gute Übereinstimmung entsteht, sind die Abweichungen im Norden groß:

<Figure size 640x480 with 1 Axes>

5.6.4.6Einordnung

In diesem Beispiel haben wir gesehen, wie wir mit den bisher beleuchteten Werkzeugen und Zusammenhängen durch Kugelkoordinaten oder Standardkoordinaten im R3\bbR^3 gegebene Punkte durch zwei Koordinaten in einer geeignet gewählten Ebene (Karte) darstellen können. Die Kartenebene ist in der mathematischen Sprache eine lineare Untermannigfaltigkeit des R3\bbR^3. Betrachten wir jedoch nur die ersten beiden Koordinaten eines Punktes bzgl. des passend zu dieser Untermannigfaltigkeit gewählten Koordinatensystems, so können wir die ganze Komplexität der dreidimensionalen Situation außer Acht lassen. Letztlich sind die wesentlichen Informationen durch zwei Zahlen (Koordinaten) darstellbar, die wir übersichtlich in unserer Zeichenebene (Papier, Laptop-Display,...) in einem einfachen zweidimensionalen Koordinatensystem darstellen können. In diesem Sinne macht die Mathematik das Leben hier deutlich einfacher!

Das Vernachlässigen der dritten Dimension führt hier nur zu geringem Informationsverlust, da die Erdkrümmung (wenigstens für kleine Kartenausschnitte) sehr gering ist. Den Gedanke, durch geeignete Wahl von Koordinatensystemen Informationen mit nur wenig Verlust deutlich einfacher darstellen zu können, werden wir im nächsten Unterkapitel nochmal aufnehmen. Dort wird dann auch klar, dass das hier demonstrierte Vorgehen auch in Rn\bbR^n mit sehr großem nn praktisch relevant ist, die Mühen der Formulierung aller Begriffe und Zusammenhänge für allgemeines nn also kein (scheinbar) unnötiger Ballast waren.

Die Suche nach möglichst verzerrungsarmen Kartendarstellungen hat insbesondere den Zweck, dass in der Karte gemessene Abstände möglichst nah an den tatsächlichen Abständen auf der Erdoberfläche liegen sollen. Je nach gewählter Kartenprojektion wird die Abweichung zwischen Abständen in der Karte und den realen Abständen unterschiedlich groß sein. Wir haben hier eine sehr einfache Kartenprojektion gewählt. Komplexere Kartenprojektionen und die ganze Fehlerthematik beim Messen von Abständen in Karten werden in anderen Veranstaltungen Ihres Studiums vertieft werden.